Was als sportliche Leidenschaft begann, ist längst zu einem meiner grössten Hobbies geworden – Seekajak, Wildwasserkajak und Kanadier fahren. Es hat mir umgangssprachlich voll den Ärmel reingezogen und ich liebe es, Zeit am und auf dem Wasser zu verbringen.
Schon im Vorjahr hatte ich beim Tourenanbieter Trango eine Woche Kanuferien gebucht. Damals führte uns die Reise auf den Piave, musste aber wegen Starkregen bereits am zweiten Tag abgebrochen werden. Umso grösser war meine Vorfreude, dieses Jahr erneut mit Trango aufzubrechen – diesmal auf den Tagliamento, einen der letzten weitgehend naturbelassenen Flüsse Europas. Der Tagliamento ist ein faszinierendes Natursystem: ein kilometerbreites, ständig wanderndes Flussbett, das sich je nach Wasserstand komplett verändert. Bei Regen kann der Fluss innert kürzester Zeit gefährlich anschwellen – ein lebendiges, unberechenbares Wesen, das Respekt verlangt.
Montag 12. Mai 2025
Ich durfte direkt mit Dominik, dem Inhaber von Trango, ab St. Gallen mitfahren. Unterwegs stiegen Martina und Rahel zu, und gemeinsam fuhren wir über die Brennerautobahn und durch die Dolomiten ins italienische Friaul.
Schon vorab wollten wir einen ersten Blick auf den Tagliamento werfen. Er hätte uns nicht schöner begrüssen können – ein Regenbogen war direkt über den Fluss zu sehen. Besser konnten die Zeichen für unsere Kanuferien also nicht stehen. Unsere erste Nacht verbrachten wir auf dem Camping Ai Pioppi in Gemona del Friuli – einem kleinen und einfachen Campingplatz. Dort trafen wir auch Robert, der aus Österreich angereist war und unsere kleine Gruppe komplettierte. Nach einer feinen Pizza im Campingrestaurant und einem Spaziergang durch das von einem vor vielen Jahren schweren Erdbeben gezeichnete Städtchen Gemona del Friuli durfte natürlich ein Gelati nicht fehlen.
Dienstag 13. Mai 2025
Am nächsten Morgen sortierten wir unser Gepäck, verstauten alles in wasserdichten Säcken und erledigten den beachtlichen Wocheneinkauf. Es ist gar nicht so einfach, Essen für eine ganze Woche mitzunehmen. Dominik verfügt hier zum Glück über grosse Erfahrung. Der Wasserpegel vom
Tagliamento in Venzone lag bei minus 40 cm – ein Wert, bei dem viele Kanuten von einer Befahrung abraten, weil der Fluss dann plötzlich versickern kann. Dominik entschied sich deshalb für einen Start weiter oben, bei Invilino. Uns war klar: Das wird eine Mischung aus Paddeln, Treideln und Flusswandern. Aber wir wollten es versuchen und so zu ein paar Tage Kanufahren kommen.
Bei der Brücke von Invilino pumpten wir unsere drei Grabner-Schlauchkanadier auf, verstauten das Gepäck und starteten kurz nach 15 Uhr. Schon nach wenigen Minuten mussten wir mehrfach aussteigen und die Boote treideln. Ein mühsamer Beginn – aber genau das gehört zu solchen Touren dazu.
Gegen 18 Uhr fanden wir unseren ersten Übernachtungsplatz im Flussbett. Wir sammelten Holz, Dominik kochte ein feines Abendessen, und wir verbrachten unsere erste Nacht direkt am Tagliamento. Wichtig dabei: Schlafplätze müssen erhöht liegen und einen schnellen Weg ans Ufer bieten – der Fluss kann jederzeit anschwellen, auch ohne sichtbaren Regen. Ein Regenschwall im Gebirge kann ausreichen, dass der Flusspegel schnell ansteigt.
Mittwoch 14. Mai 2025
Der nächste Tag begann erneut beschwerlich. Viel Treideln, einmal sogar Umtragen in einen anderen Flussarm. Doch je weiter wir kamen, desto mehr Wasser kam durch die Zuflüsse der Fella, vom Bût und Degano in den Tagliamento – und plötzlich wurde aus dem mühsamen Ziehen immer mehr ein entspanntes Gleiten.
Trotzdem bleibt eine solche Tour nie ungefährlich. Steine, Bäume, Brückenpfeiler, Röhrendämme (temporäre Baustellen im Fluss), schwer erkennbare Wehre und Sohlrampen – all das kann zur Falle werden. In Italien ist Kanufahren nicht besonders verbreitet, weshalb Hindernisse oft nicht signalisiert sind. Dominik fuhr konsequent „auf Sicht“, stieg aus, erkundete jede potenzielle Gefahrenstelle und führte uns sicher hindurch oder darum herum.
Abends kochte er erneut für uns, und wir halfen beim Holzsammeln und Feuer machen. Und ein Kaffee am Morgen über dem Lagerfeuer – unbezahlbar.
Donnerstag 15. Mai 2025
Es ist erstaunlich, wie schnell der Alltag verschwindet. Nach zwei Tagen zählt nur noch der Moment: Wasser, Wind, Sonne, Essen, Feuer. Die Gruppe wuchs eng zusammen, Gespräche am Lagerfeuer wurden tief und herzlich, jeder half jedem.
Gegen den Abend erwischte uns dann doch ein Platzregen. Wir fanden rechtzeitig einen sicheren, hochgelegenen Schlafplatz und spannten gemeinsam eine grosse Zeltblache. Während es eine Stunde lang wie aus Kübeln goss, hielten wir die Plane hoch und schöpften Wasser ab. Danach zauberte Dominik ein köstliches Peperoni-Apfel-Gulasch – erstaunlich gut, obwohl ich Peperoni eigentlich gar nicht mag.
Freitag 16. Mai 2025
Am nächsten Morgen trockneten unsere Zelte in der Sonne, und die Fahrt ging flott weiter. Der Fluss war nun breit, strömte angenehm und liess uns sogar das Halbwehr von Ospedaletto rechts umfahren – etwas, das laut Blogs bei tiefem Wasserstand kaum möglich sei.
In Venzone füllten wir unsere Wasservorräte am Dorfbrunnen auf. Danach warteten noch einige Herausforderungen: Sohlschwellen bei der Ponte di Braulins, drei Betonstufen und eine weitere Sohlstufe weiter unten. Alles kostete Kraft und Zeit, aber wir meisterten es gemeinsam.
Unsere letzte Nacht verbrachten wir an einem wunderschönen Platz im Flussbett. Faszinierend, wie viele Pflanzen mitten in diesem dynamischen, regelmässig überfluteten Gebiet wachsen. Ein letztes Abendessen am Feuer, ein letzter Blick in den sternklaren Himmel, bevor es routiniert ans Zelt aufstellen und dann ans schlafen ging.
Samstag 17. Mai 2025
Nach einigen Stunden auf dem Tagliamento erreichten wir die Ponte Pizano, wo unsere Tour endete. Im Restaurant «Al Vecjo Traghet» gönnten wir uns eine Stärkung. Während Dominik den Bus holte, packten wir die Boote zusammen – und konnten es nicht lassen, noch ein letztes Bad im etwa 18 Grad kalten Tagliamento zu nehmen.
Zurück auf dem Camping Ai Pioppi schlugen wir unser letztes Nachtlager auf. Am Abend fuhren wir nach Venzone und assen im Ristorante «La Locanda al Municipio» – ein würdiger Abschluss einer intensiven, wunderschönen Woche.
Sonntag 18. Mai 2025
Am Sonntag ging es im Bus mit vielen Eindrücken zurück in die Schweiz.
Ferien-Video
Ich habe einen Video zu unseren Ferien erstellt. Er ist hier zu finden.
